„Mein Opa ist an dem Tag bestattet worden, als ich den Wettkampf hatte. Da hab ich gedacht, ich hole jetzt Gold für ihn“, sagt Morten Ottenberg. Morten hat Trisomie 21 – und gerade den ersten Platz in „200 Meter Rückenschwimmen“ bei den „Special Olympics Nationalen Spielen“ gemacht. Sein Großvater, mit dem er als Kind immer im Niendorfer Bondenwald-Bad war, ist ein Grund, warum Morten so „wasserbekloppt“ geworden sei, wie er sagt.
Der andere Grund ist die inklusive Schwimmgruppe des Eimsbütteler Turnverbands ETV, bei der Morten als Siebenjähriger schwimmen gelernt und die er seitdem nicht mehr verlassen hat. Jetzt ist er 25 Jahre alt und war vom 15. bis 20. Juni mit neun anderen Mitgliedern der Truppe bei den Nationalen Spielen von Special Olympics im Saarland. Von dort haben die Athleten insgesamt neun Gold-, zwei Silber- und drei Bronzemedaillen zurück nach Hamburg gebracht.
ETV Hamburg: Neben dem Schwimmtraining haben beide einen vollen Arbeitsalltag
Auch Jannik Ahsen (25), der eine Lernbehinderung hat, gehört zu den Olympioniken: Für „400 Meter Freistil“ stand er ganz oben auf dem Treppchen, für „50 Meter Rücken“ nahm er gleich noch Silber mit. Die beiden drahtigen jungen Männer sind beste Freunde, wobei Jannik erst vor drei Jahren zur ETV-Gruppe dazugestoßen ist. Beide haben einen vollen Alltag: Jannik arbeitet als Lagerarbeiter bei Block House, läuft gerne längere Strecken und geht einmal die Woche reiten. Morten ist als Koch beim „Haus 5“ tätig und spielt in einem inklusiven Team des ETV Aquaball.
Aber ihre große Liebe gilt dem Wasser. „Schwimmen bedeutet mir alles auf dieser Welt“, sagt Morten, und Jannik nickt bestätigend. Das ETV-Schwimmtraining, an dem sie bis zu dreimal die Woche in Altona und Wandsbek teilnehmen können, hat für beide Priorität.
Das Programm entwickelte sich immer mehr zum Wettkampfschwimmen
Das Schwimmen für Menschen mit geistiger Behinderung ist eins von zehn Inklusionsangeboten des ETV. Vor mehr als 20 Jahren als gemischtes Kinderschwimmen angelegt, entwickelt sich das Programm mehr und mehr in Richtung Wettkampfschwimmen. Und es ist sehr erfolgreich. In Hamburg ist das Angebot einzigartig, auch deutschlandweit existiert nur eine kleine Zahl vergleichbarer Gruppen.
Mitverantwortlich für diese Entwicklung ist Mortens Vater Krister Ottenberg, der 2018 als ehrenamtlicher Trainer dazukam. Er war selbst mehr als 20 Jahre Wettkampfschwimmer im ETV. Aktuell umfasst die Gruppe 25 Athletinnen und Athleten zwischen 14 und 36 Jahren, vier davon ohne Behinderung, jeweils zur Hälfte Frauen und Männer. In den Trainingszeiten werden die Leistungsstärkeren und -schwächeren auf verschiedene Bahnen aufgeteilt, von zwei verschiedenen Trainern betreut, um sie maximal zu unterstützen.

Nach dem Warmschwimmen folgt das Beintraining – mal mit, mal ohne Flossen –, dann das gezielte Üben bestimmter Schwimmarten sowie Technik-Übungen. „Das ist gerade bei diesen Athleten sehr herausfordernd“, sagt Ottenberg. So sei zum Beispiel „die Rückenlage für Menschen mit Down-Syndrom vom Gleichgewicht und den Synapsen her wirklich schwierig“, erläutert Kerstin Lehmann, ebenfalls Trainerin und zweite Vorsitzende der ETV-Schwimmabteilung.
ETV Hamburg: Viele der Mitglieder haben einen Übungsleiter-Assistenz-Schein
Doch die Mitglieder lassen sich von nichts aufhalten. Vier von ihnen haben selbst die Übungsleiter-Assistenz-Ausbildung gemacht, Jannik und Morten zusätzlich den DLRG-Schein. Im Mai war ein Teil der Gruppe zur Vorbereitung auf die Nationalen Spiele für ein zehntägiges Trainingslager auf Mallorca, das vom Abendblatt-Verein finanziell unterstützt wurde. Zweimal zwei Stunden wurde dort täglich geübt. Manche der Schwimmer brachte das bis ans Limit, aber den von den fünf Betreuern angebotenen Pausentag schlugen alle aus. „Wir haben durchgezogen“, sagt Jannik stolz, und Morten ergänzt fröhlich: „Und danach gab es dann auch wieder was zu essen!“ Vielleicht rührt das große Durchhaltevermögen auch von der guten Stimmung und dem Teamgeist, der in der Truppe herrscht. „Hier freut sich jeder für jeden, egal ob man Erster oder Achter geworden ist“, erzählt Lehmann, und das, obwohl Schwimmen eine Individualsportart sei.

Der Zusammenhalt der Gruppe wird von den Trainern bewusst gefördert, zum Beispiel mit Wettkämpfen, zu denen die Athleten gemeinsam fahren und vor Ort übernachten. Die Strategie geht auf, die Mitglieder sind füreinander da.
Auch die Ausstattung spielt eine Rolle: So gibt es bei Wettkämpfen Trainingsanzüge und Schwimmkleidung mit dem ETV-Logo, damit alle einheitlich aussehen. Zudem tragen die Athleten das Logo stolz als Einweg-Tattoo je auf einem Oberarm. Große Bedeutung für die Gruppe hat auch die Vereins-Flagge, die von den Schwimmern immer an der Tribüne befestigt wird, dort, wo ihre Plätze sind. Morten erläutert: „Wir werden dadurch schneller, wenn wir an unser Team glauben!“ Zum Team gehören für ihn und Jannik auch Familie, Verwandte und Freunde.
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Die Herzlichkeit der Gruppenmitglieder ist ein großer Bestandteil dessen, was die Trainer motiviert. „Die geben einem so viel zurück, ich kann das gar nicht beschreiben“, sagt Lehmann. Krister Ottenberg, der im Hauptjob als IT-Administrator arbeitet, empfindet es ähnlich: „Diese Athleten künsteln nie, jedes Treffen erdet mich unheimlich.“
Natürlich ist auch der Zuwachs an Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein, von dem die Schützlinge durch das Schwimmen profitieren, ein Ansporn. „Die sportlichen Erfolge tragen einfach zu einem breiten Kreuz bei. Die Athleten lassen sich nicht die Butter vom Brot nehmen“, resümiert Ottenberg. Morten kann das nur unterstreichen: „Ich fühle mich gar nicht behindert, ich fühle mich ganz normal.“ Die Ziele der beiden Schwimmer dürften jedoch über ein „Normalmaß“ hinausgehen: Jannik möchte noch mehr Goldmedaillen gewinnen, Morten 2027 an den World Games in Chile teilnehmen.



