Hunderte junge Hamburger leben in „verdeckter Obdachlosigkeit“

25.6.2026
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5 Minuten. Von Liv Sachisthal. Foto: © FUNKE Foto Services | Michael Rauhe

Allein die Tatsache ist erschütternd – die Zahl dahinter noch mehr: Obdachlosigkeit betrifft auch Jugendliche und junge Erwachsene. Und ihr Anteil beläuft sich in Deutschland auf elf Prozent der Obdachlosen insgesamt – so die Berechnung der Off Road Kids Stiftung. Im Klartext: 44.000 Menschen zwischen 14 und 27 Jahren sind wohnungslos. In der Hamburger Off Road Kids-Beratungsstation gab es allein im vergangenen Jahr 415 Neukontakte. Wie kommt es zu dieser dramatischen Lage?

Kimberly Deml ist Sozialarbeiterin bei der Off Road Kids Station Hamburg. Hier in der Spaldingstraße beraten die 28-Jährige und fünf weitere Kollegen die junge Klientel telefonisch, per Chat und vis-à-vis. Grundsätzlich richtet sich das Angebot an Menschen zwischen 14 und 27 Jahren. Das Gros der in Hamburg Hilfesuchenden ist zwischen 20 und 24 Jahren alt. Alle sind von Wohnungslosigkeit betroffen oder bedroht.

Manche Kinder haben Gewalt und Missbrauch erlebt

Die Gründe seien unterschiedlich, erläutert Kimberly Deml: „Wir haben alles dabei: das junge Mädchen aus ‚normalem‘ Elternhaus, das wegen eskalierender Pubertätskonflikte rausgeworfen wird; ebenso den unbegleiteten Flüchtling, dessen Jugendhilfe-Unterbringung mit 18 Jahren endet.“ Immer wieder gäbe es auch Fälle, in denen junge Erwachsene bei jemandem untergekommen seien, der dafür plötzlich ‚körperliche Gegenleistung‘ erwarte. Und natürlich Kinder, die mit psychischen oder Suchterkrankungen von Elternteilen konfrontiert seien oder zu Hause Gewalt und Missbrauch erlebten.

So wie Lisa, die sich über den Chat bei den Off Road Kids meldet. Die 15-Jährige wurde in der Vergangenheit von der Mutter geschlagen, musste Verantwortung für die kleinen Geschwister übernehmen. Mittlerweile ist die körperliche Gewalt in psychische übergegangen. An diesem Tag hat die Mutter ihr wieder gedroht: „Ich nehme dein Handy weg und sperre dich ein.“ Über das Internet nimmt Lisa Kontakt zu den Off Road Kids auf. Kimberly Deml lädt die junge Hamburgerin ein, sich in der Station zu treffen. „Ich habe sie am Morgen noch mal ermutigt, war mir aber bis zuletzt unsicher, ob sie es macht.“

Die Sozialarbeiterin begleitet auch zum Jugendamt

Lisa kommt. Und berichtet über die Belastung zu Hause, ihre Sorge um die Geschwister. „Wir haben geschaut, was die nächste Möglichkeit ist, sie da rauszubringen“, erläutert die Sozialarbeiterin. Sie begleitet Lisa zu drei Terminen beim Jugendamt, begutachtet mit ihr eine Wohngruppe. Zwei Wochen später wird dort tatsächlich ein Platz frei. In der Zwischenzeit kommt das Mädchen beim Kinder- und Jugendnotdienst unter. „Das war ein reibungsloser Übergang. Und ein schöner Erfolg“, resümiert Kimberly Deml.

Nicht immer läuft es so unproblematisch. Denn das Hilfesystem in Hamburg verfügt schlicht nicht über ausreichend Kapazitäten. Für Minderjährige ist das Jugendamt zuständig, das Betroffene in Akutsituationen meist erst mal beim Kinder- und Jugendnotdienst Hamburg unterbringt. Bis sich ein Anschlussplatz in einer Jugendwohngruppe oder einem Apartment der Jugendhilfe findet, können Wochen vergehen.

Es gibt nicht genügend Plätze für die jungen Wohnungslosen

Mit Erreichen der Volljährigkeit enden auch diese Maßnahmen, falls kein Antrag auf weitere Hilfen gestellt wurde. „Dieser Abbruch ist mit das größte Problem“, sagt Kimberly Deml. „Viele wissen dann nicht weiter, haben nichts, auf das sie zurückgreifen können.“ Auch für junge Menschen, die erst nach Erreichen des 18. Geburtstags wohnungslos werden, ist die Lage schwierig.

In der Theorie gibt es für Wohnungslose bis 27 Jahre das Jungerwachsenenprogramm mit drei Häusern für Frauen, Männer und queere Menschen. Faktisch stehen hier insgesamt nur 80 Plätze zur Verfügung – mit einer Aufenthaltsdauer von meist sechs Monaten. Zusätzlich gibt es 20 Plätze für maximal acht Wochen in speziellen Notübernachtungsstellen. Beide Programme müssen mit Wartelisten arbeiten. In den Übergangszeiten bleibt manchmal nur das städtische Angebot der Obdachlosenunterkünfte. „Dann wird ein 19-Jähriger gegebenenfalls mit jemandem, der vielleicht schon 20 Jahre auf der Straße ist, in ein Zimmer gesteckt“, bemängelt die Sozialarbeiterin.

Das Ausmaß der verdeckten Obdachlosigkeit wurde in der Corona-Zeit deutlich

Die Zahlen machen deutlich, warum viele Betroffene in der Wohnungslosigkeit landen. Wieso aber bleibt diese Lage so gut wie unsichtbar? „Viele der jungen Menschen kommen bei Freunden oder Bekannten unter, suchen sich von Tag zu Tag ein neues Sofa. Das nennen wir verdeckte Obdachlosigkeit“, erklärt Kimberly Deml. „Manche gehen trotzdem noch zur Schule, sind integriert im Alltag, aber keiner weiß so richtig, wo sie wohnen.“ Auch sei den jungen Erwachsenen, die tatsächlich auf der Straße leben müssten, ihre Jugend oft nicht mehr anzusehen. „Das Leben auf der Straße macht was mit einem. Es fehlen die Gesundheitsversorgung, richtiges Essen, tägliche Hygiene. Der Körper verändert sich auf jeden Fall auf der Straße.“

Das Ausmaß der verdeckten Jugend-Obdachlosigkeit ist in der Corona-Zeit erst richtig deutlich geworden: Wegen der Pandemieverordnungen konnten wohnungslose Jugendliche und junge Erwachsene nicht mehr draußenbleiben und meldeten sich vermehrt über sofahopper.de, das Onlineportal der Stiftung. Mittlerweile finden 98 Prozent der Neuzugänge über diese Website den Weg zu den Off Road Kids. Auch TikTok und Instagram spielen für die Hilfsorganisation eine große Rolle, um den Kontakt zur Zielgruppe herzustellen, während das klassische Streetworking reduziert wurde.

Freiwilligkeit der Klienten wird großgeschrieben

Der dezentrale Ansatz über digitale Kanäle erweist sich als sehr effektiv. Klienten, die sich im Chat melden, können an eine der Off Road Kids-Stationen vermittelt werden, die es in Berlin, Hamburg, Frankfurt, Dortmund und Köln gibt. Dort erhalten Betroffene Beratung, Begleitung zu Ämtern, Hilfe beim Ausfüllen von Anträgen. Die Mitarbeiter sorgen für kurz- und mittelfristige Lösungen und unterstützen bei der Entwicklung von langfristigen Perspektiven – zugewandt und mit der entsprechenden Expertise.

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Grundlage dafür sind ein gutes Netzwerk und die enge Zusammenarbeit mit den verschiedenen Institutionen und Trägern im jeweiligen Umfeld. Mit Blick auf die Klienten wird Freiwilligkeit großgeschrieben: Der Jugendliche entscheidet selbst, was er erzählen möchte. Gleichzeitig bleibt die Tür immer offen, auch wenn der Klient sich länger nicht gemeldet hat. „Oftmals haben die jungen Menschen Druck erlebt, negative Erfahrungen im Hilfesystem gemacht“, sagt Kimberly Deml. „Wenn sie sich auf eine Zusammenarbeit mit mir einlassen und wieder vertrauen können, dann ist das die größte Dankbarkeit, die ich spüren kann.“

Die Off Road Kids wurden 1993 von dem ehemaligen Journalisten Markus H. Seidel gegründet, der nach einer bundesweiten Recherche zu wohnungslosen Kindern sein Buch „Straßenkinder in Deutschland – Schicksale, die es nicht geben dürfte“ veröffentlichte. Aus dem Verein entwickelte sich die Stiftung mit Sitz in Bad Dürrheim und den fünf Standorten. Bundesmittel fließen ausschließlich in das Projekt sofahopper.de. Weil sich die Städte – auch Hamburg – nicht an den Kosten beteiligen, ist die Organisation auf Spenden angewiesen.

Mehr Infos: https://offroadkids.de/